Guth zum Sonntag, 12.01.2020

„Giga-Flop“ mit der „Giga-Factory“?

Zeitlich passend zum deutschen Hype um das Thema E-Auto und die Verteufelung des Diesels kam die letztjährige Ankündigung von „Tesla“-Chef Elon Musk, in Deutschland eine Fabrik zur Fertigung von Fahrzeugen zu bauen. 

Wer im November die Vorstellung des neuen Tesla Cybertruck online gesehen hat, weiß, wie es um den Hype des amerikanischen E-Auto-Herstellers und seines CEO steht. Elon Musk muss nur auf eine Bühne treten, schon jubelt man ihm zu. Bringt er dann noch ein neues Auto-Konzept mit, kennt die Euphorie keine Grenzen mehr.
Auch in Deutschland ist man gerade „Tesla“-euphorisch: Neben zwei Manufakturen in den USA und einer dritten, neuen, in China, soll Teslas vierte Fabrik nämlich in Deutschland entstehen. Genauer: Im Örtchen Grünheide in Brandenburg. Letzte Woche wurde der Kaufvertrag für das Grundstück unterschrieben. In wieweit der Name mitursächlich für die Standortwahl ist (Grünheide klingt ja bereits so wunderbar umweltbewusst), kann man allerdings nicht wissen. Das Grundstück bekam Tesla zu einem Spottpreis, der nur bei etwa 1/3 des eigentlich Bodenrichtwerts liegt (womit das Grundstück für etwa 80 Millionen Euro unter Wert über den brandenburgischen Ladentisch ging).

Wo in Grünheide derzeit noch eine große Grünfläche ist, sollen also irgendwann womöglich 500.000 Teslas jährlich übers Band laufen. Die Betonung liegt dabei aber eher auf „irgendwann“ und „womöglich“, denn im letzten Jahr lag Teslas weltweiter Absatz erst bei etwa 370.000 Einheiten. Naheliegenderweise werden die neuen Fabriken in Shanghai und in Brandenburg wohl keine halbe Million Fahrzeuge produzieren, solange der Absatzmarkt dafür fehlt… Aber dabei will man ja in Deutschland gerne helfen. Die Grünen haben letztes Jahr verlautbart, dass ab 2030 doch bitteschön nur noch abgasfreie Autos neu zugelassen werden sollen. Vielleicht setzt Teslas Strategieabteilung ja auf die Durchsetzung dieser grünen Straßenverkehr-Fata-Morgana in der Bundesrepublik. Auch das kann man nicht wissen.

Aber man soll nicht immer nur das Schlechte sehen: Für Brandenburg ist die neue Fabrik nun erst einmal ein Standortfaktor, der Wohlstand und Arbeitsplätze verspricht. Die Berliner Wirtschaftsverwaltung rechnete im November mit 6000 bis 7000 Stellen, wobei man (bitte jetzt nicht lachen) behauptete, dass Tesla die Nähe zum neuen Flughafen BER wichtig gewesen sei. Nun scheint sich aufzuzeigen, dass nicht nur die Nähe zu Berlin und dem Milliarden-Grab – Verzeihung – „Milliarden-Flughafen“ BER wichtig war, sondern wohl auch die Nähe zur Republik Polen. Der Presse ist zu entnehmen, dass bereits zwei Stellen für sog. „Recruitment Operations“- Koordinatoren ausgeschrieben sind, die fließend polnisch sprechen können sollen. Vor dem Hintergrund des Lohngefälles ins polnische Nachbarland könnte das herbeiersehnten brandenburgische Job-Wunder (die Landesregierung rechnet zunächst mit etwa 3000 neuen Arbeitsplätzen) kurzerhand zu einem nicht unerheblichen Teil an den von Grünheide nur 60 Kilometer entfernten EU-Nachbarn Polen gehen. Die meisten polnischen Mitarbeiter würden sich allerdings angesichts des Gehaltsgefälles wohl selbst keines der mitproduzierten Model 3 (ab 43.000 €) und Model Y (ab 56.800 €) leisten können. Der grenznahe Transit nach Grünheide müsste dann wohl eher mit Benzinern und Diesel-Fahrzeugen erfolgen, oder mit einem brandenburgischen E-Bus nach Polen (vielleicht einer von Tesla). WELT berichtete übrigens, dass „der Landkreis Oder-Spree die Zahl der ‚von Tesla angezogenen‘ Zuzügler auf 50.000 bis 100.000 Menschen schätzt“ und der Autobauer offenbar keine Tarifbindung eingehen will. Focus berichtete, Brandenburgs SPD-Wirtschaftsminister habe dem Unternehmen deutlich gemacht, dass „mittelfristig“ eine Tarifbindung erwartet wird und Telsa sei „dem Ansatz gegenüber offen“ gewesen. Was heißt in diesem Zusammenhang eigentlich „mittelfristig“ und „offen gegenüber dem Ansatz“?

Ich wünsche den Steuerzahlern, die immerhin mit 300 Mio. Euro Teslas Giga-Factory 4 subventionieren müssen, dass es mit dem Projekt einen besseren Verlauf als mit dem unrühmlich berühmten Flughafen BER nimmt.